Pygmalion am Weserstrand

 

Peter lebte etwas nördlich von Bremen auf Harriersand, der kleinen Insel in der Weser. Er war 35 Jahre alt und ledig. Nicht, dass es keine Frauen in seinem Leben gab, aber die Richtige hatte sich bisher erfolgreich von ihm ferngehalten. Jedesmal wenn er seine Mutter in Bremen besuchte, stellte sie ihm die Frage wann er denn endlich wieder eine Frau mitbrächte.

Wie immer verdrehte er genervt die Augen.

„Ach Mutter, nun nerv doch nicht! Du hast ja keine Ahnung wie das heutzutage funktioniert. Das ist nicht mehr so einfach wie damals, mit dir und Papa.“

Und jedes Mal sah sie ihn dann irgendwie beleidigt oder traurig an.

Peter wusste nicht wie oft er diese Frage schon gehört hatte und wie oft er schon darauf geantwortet hatte. Unzählige Male. Langsam konnte er es schon nicht mehr hören. Obwohl ihn seine Mutter mit ihren Fragen nervte, hatte er es noch nicht aufgegeben nach einer Frau zu suchen. Tatsächlich war es heutzutage irgendwie kompliziert. Das Internet hatte sich auch längst in diesem Bereich etabliert und selbstverständlich war Peter längst Mitglied in den einschlägigen sozialen Netzwerken und Kontaktbörsen im Internet. Es war ganz einfach mit Frauen in Kontakt zu treten, oft genug wurde auch er von Frauen kontaktiert. Ein zwei Abend wurde gechattet, dann manchmal auch telefoniert. Auch ein Treffen war schnell arrangiert. Aber ebenso schnell wie man sich fand, ging der Kontakt auch wieder verloren. Seine letzte Partnerschaft lag nun schon fast 3 Jahre zurück. Janina hatte ihn betrogen und ohne dass er es merkte hatte sie 2 oder 3 Beziehungen parallel zu Peter unterhalten. Diese Wunde schmerzte ihn noch heute. Vielleicht waren die meisten Frauen heute viel zu sehr auf Karriere und Spaß fixiert, kurz Beziehungsunfähig. Da war sich Peter ganz sicher.

Ihm drängte sich dieser Einruck auf als er heute Abend vor seinem PC saß und die Eingänge in seinem STUDI-VZ Konto überprüfte. Stefanie schrieb, dass sie erst mal keine Partnerschaft suche und sich lieber um ihre besten Freundinnen kümmern wolle. Missmutig und resigniert verzog er sein Gesicht, es sah fast aus, als müsse er eine bittere Medizin schlucken. Nein wahrlich, es schmeckte ihm nicht was er da las. Dabei hatte er sich so viel Hoffnung gemacht. Seit zwei Wochen hatte er fast jeden Abend mit Stefanie gechattet. Sie hatten geflirtet und sich wunderbar unterhalten. Regelmäßig war es spät geworden, nicht selten nach 3 Uhr nachts. Heute Morgen, nach dem Aufstehen, Stefanie war noch offline, hatte er ihr eine Nachricht geschickt, die als Frage und Möglichkeit ihn schon einige Tage beschäftigt hatte. Heute Morgen hatte er sich endlich ein Herz gefasst und ihr eine Nachricht geschrieben.

 

Liebe Stefanie,

 

seit ich dich kenne, verzaubern mich deine Zeilen. Jeden Abend habe ich Herzklopfen und hoffe du bist online. Mein Herz macht jedesmal einen großen Satz wenn ich den grünen Punkt neben deinem Namen sehe, denn ich weiß du bist online und mir bald ganz nah. Ich bin jetzt ganz aufgeregt wie ein kleiner Junge, denn ich will dir mitteilen, dass ich dich als Frau wundebar und sehr interessant finde. Ich könnte mir gut mehr vorstellen. Bitte schreibe mir, was du davon hältst. Pass auf dich auf. Bis heute Abend.

Gruß

Peter

 

Nachdenklich und traurig sah Peter aus dem Fenster auf die Lichter eines vorbeifahrenden Schiffes. Er hatte sich solche Hoffnungen gemacht und sie wollte sich mehr um ihre Freundinnen kümmern. Was lief nur in seinem Leben schief? So weit hatte es die Emanzipation schon geschafft.

Peter hatte den Eindruck, dass nur noch Unverbindlichkeit existierte. Ein Stöhnen drang aus seinem Mund und kam aus tiefster Seele. Die heutigen Frauen waren einfach zu oberflächlich. Damals zu Zeiten seiner Eltern war einfach alles einfacher.

Unvermittelt schaltete er den PC aus und ging nach draußen vor die Tür. Die frische Luft tat gut. Tief atmete er die würzige Sommerluft ein. In nicht einmal 100 Meter Entfernung lag dunkel die Weser. Sehen konnte er sie natürlich nicht, jedoch die Lichter einer befeuerten Fahrwassertonne und ein Licht am gegenüberliegenden Ufer, das den Schiffen zur Navigation diente. Ihm kam von früher, als er noch Theater spielte, eine Szene aus Romeo und Julia in den Sinn und sprach für sich leise.

 

Und gehst du dann so? O mein Liebster, mein Herr, mein Gemahl, mein Freund! Ich muß alle Tage Nachricht von dir haben, alle Stunden, denn in einer Minute ohne dich sind viele Tage. Ach! nach dieser Rechnung werd' ich alt seyn, eh ich meinen Romeo wieder sehe.

 

Lebe wohl, meine Liebe: ich will keine Gelegenheit versäumen, wodurch ich dir meinen Gruß übermachen kann.

 

In Wehmut  stand er still da und sah hinüber in das Dunkel und Ferne. In Gedanken sah er Julia, wie sie sich nach Romeo verzehrte. Er streckte seinen Arm aus, als wollte er Julias Traumbild liebkosen.

 

Am nächsten Morgen ging Peter zu seiner Werkstatt hinüber, die in der Nähe des Strandes lag. Er war Künstler und fertigte Skulpturen aus Holz. Neben diesen Skulpturen, fertigte er auch als Auftragsarbeiten Galionsfiguren an und war dafür in den entsprechenden Kreisen bekannt. Vor wenigen Tagen hatte er einen Auftrag für eine Galionsfigur für den ukrainischen Großsegler Chersones angenommen was ihn die nächsten Tage weitgehend vom PC fernhalten würde.
Die Werkstatt empfing ihn mit einem betörenden Duft nach Holz. Etwas subtiler, waren zusätzlich Noten von Beizen, Lacken und Leim enthalten, die er hier aber fast gar nicht verarbeitete sondern draußen unter einem Vordach, das vor Niederschlag schützte. Die Werkstatt war ordentlich, an der Wand befanden sich kleinere Werkzeuge sorgfältig an der Wand befestigt. gegenüber standen größere Maschinen, die er hin und wieder benötigte. In der Mitte der Werkstatt war an einem Dicken Holzbalken ein Kettenzug befestigt, an dem ein großer Holzblock hing.

Gestern hatte er diverse Balken zu diesem großen Block von etwa 2,5m Höhe und 1m im Quadrat verleimt. Inzwischen war der Leim getrocknet und er konnte mit dem herausarbeiten des Motives beginnen. Mit Hilfe des Kettenzuges platzierte er den Holzblock nun so, wie er später an dem Segelschiff am Bug angebracht sein würde. Dann griff er zu einer kleinen Kettensäge und arbeitete die groben Konturen heraus. Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen brauchte er keine Skizze und musste auch keine Schnittlinien auf dem Block vorzeichnen. Peter sah alle Linien und Formen in seiner Vorstellung. Er spürte instinktiv, wo das Holz weicher war und ganz vorsichtig bearbeitet werden musste. Langsam konnte man erahnen was es werden sollte. Es schien als würde der Klotz eine Metamorphe durchlaufen, die gerade erst begonnen hatte, wo nur erste Andeutungen verrieten was es am Ende sein würde. So arbeitete er Stunden über Stunden und arbeitete sich vom Groben zum Feinen vor, von der Kettensäge zum Beitel.

Nach hinten gespreitzte Arme, wie schwingen einer Möwe, ein mutig in den Wind gerecktes Antlitz, runde, wohl proportionierte Formen. Die Galionsfigur würde eine schöne Frau werden, der Traum eines jeden Seemannes, der am Bug eines Schiffes durch die See gleiten würde.

Sicher führte er jeden Schlag und im Rhythmus der Schläge schritt die Verwandlung des Holzklotzes fort. Peter war wie in Trance. Längst hatte er alles um sich herum vergessen. Das Werkzeug wurde zu einer Verlängerung seiner Hände, er konnte fühlen wie unter seinen Fingern langsam etwas entstand. Er fühlte sich als Schöpfer, so muss es für Gott gewesen sein, als er Adam schuf. Er spürte fast das Pulsieren des Lebens unter seinen Fingern, als wenn er nur seine Hände in das Holz zu tauchen bräuchte und das Leben unter seinen Händen zu wachsen begönne.

Es war schon Nachmittag, aber Peter hatte jede Zeit vergessen. Selbst Hunger spürte er nicht. Er trat ein paar Schritte zurück um sein Werk zu begutachten. Was er sah gefiel ihm. Lebensgroß erstreckte sich der anmutige Körper einer Frau die in die Ferne sah. Er legte seinen Kopf ein wenig schief um ihr Gesicht zu betrachten. Er trat näher und strich ihr sanft über ihr noch etwas rohes Gesicht, ihre Langen Haare und ihren schlanken Hals. Sein Herz klopfte ein wenig.

„Mein Gott, welch eine Anmut du schon jetzt ausstrahlst.“ murmelte Peter

An diesen Tag arbeitete er noch lange. Erschöpft ging er im Dunkeln nach Hause, nachdem er sorgfältig die Werkstatt abgesperrt hatte. Es war ihm schwer gefallen die Arbeit für heute zu beenden. Immer wieder wollte er seine Schöpfung berühren und fühlen, einfach seine Hand über das Holz gleiten lassen. Und jetzt auf dem kurzen Weg zu seinem Haus kreisten seine Gedanken um sie.

 

Am nächsten Morgen hat er es eilig wieder in die Werkstatt zu kommen und aß zu Hause nur flüchtig. Sein Herz klopfte vor Freude und Erwartung als er die Werkstatt betrat. Ihm stockte der Atem als er sie sah. Ihm war gar nicht mehr bewusst, dass er schon weit gekommen war. Ihre Gesichtszüge waren schon fast perfekt und strahlten eine Reinheit und zugleich Kühnheit oder Gleichmut aus, die ihm kurz den Atem raubten.

Dann machte er sich wieder an die Arbeit, es wurde Zeit für die feinen Details. Mit einem Schnitzmesser begann er kleine und kleinste Details auszuarbeiten.

„Na, wie wärst du wohl? Sicher nicht so oberflächlich wie die Frauen heute.“ dachte Peter und strich ihr zärtlich Holzspäne aus dem Gesicht.

„Im Vergleich zu dir wären alle heutigen Frauen kalt und gefühllos. Du würdest alle verzaubern. Alle anderen im Vergleich zu dir wären tumb und geistlos. Die Frauen heute sind so sehr bemüht wie Männer zu sein, dass sie gar nicht mehr bemerken, wie sie für Männer immer uninteressanter werden. Welcher Mann will schon einen anderen Mann heiraten, auch wenn der einen Busen hat.“ Peter musste lachen.

„Du würdest allen Männern den Kopf verdrehen, dann bin ich mir ganz sicher“ dachte Peter und ein plötzlicher Anfall von Eifersucht erschreckte ihn.

Da klingelte das Telefon am entgegengesetzten Ende der Werkstatt und unterbrach ihn in seinen Gedanken. Er wendete sich zum Gehen und hielt jedoch plötzlich kurz inne und, ehe er sich selbst drüber bewusst war, gab er ihr einen Kuss. Dann ging er nachdenklich zum Telefon.

 

Er arbeitete bis spät und konnte sich wieder nicht davon lösen. Es war wie im Wahn oder eine Trance. Er war zum Sklaven seiner Vorstellung und zum Sklaven seiner Hände geworden, die eine Skulptur schufen die in seiner Vorstellung längst lebendig war. Seine Hände arbeiteten ganz automatisch und formten die Wirklichkeit in Holz, gemäß seiner Vorstellung, die Fleisch und Blut war.

Draußen war es schon dunkel als er erschöpft auf einer Bank in der Werkstatt niedersank. Eine Weile betrachtete er seine Schöpfung mit liebevollem Blick, während er einen Schluck kalten Kaffee trank.

Ächzend stand er auf und strich ihr liebevoll über ihre Wangen. Erschrocken zog er plötzlich seine Hand wieder zurück, ein kleiner Span, den er übersehen haben musste, hatte sich in seinen Zeigefinger gebohrt. Er zog den Span heraus und saugte an dem Finger, er schmeckte etwas Blut. Etwas Blut befand sich auch auf ihren Lippen, es war ein Tropfen nur.

Peter lächelte, den Finger noch immer im Mund, ihm war eine Idee gekommen. Er verließ eilig die Werkstatt und kam wenige Minuten später zurück und hatte ein Bündel unter dem Arm. „Sieh! Heute Nacht schlafe ich bei dir.“ rief Peter und legte das Bündel zu ihren hölzernen Füßen. Es war ein Luftmatratze und ein Schlafsack. Dort vor ihr bereitete er sein Nachtlager und gab ihr einen letzten Kuss bevor er das Licht löschte. Nichts sollte ihn von ihr trennen. Erschöpft schlief er bald ein, draußen fuhr ein Schiff vorbei, das Dröhnen der Maschine war gedämpft zu hören, verlor sich aber bald wieder in der Ferne.

 

Am Himmel zogen lockere Wolken, sie trieben ihr Spiel am Himmel.

Stark gedämpftes Mondlicht fiel durch die Fenster und gab der Dunkelheit nur etwas Kontur. Schemen wo die Maschinen standen, absolute Schwärze darum herum. Wohin man auch sah, Schemen und Schwärze wechselten sich ab, verschmolzen miteinander und entfalteten sich aufs Neue. Leises Atmen war zu hören, Peter der schlief. Dann eine Wolke gab den Blick auf den Mond frei und Peter wurde für einen Moment in schwaches fahles Licht getaucht. Jemand kniete neben ihm und berührte zärtlich seine Wange.

Beugte sich über ihm und ein Vorhang aus langen dunklen Haaren fiel.

Die nächste Wolke zog heran und die Dunkelheit verschluckte die beiden.

 


Dmitri Krylow stieg aus dem Taxi, das ihn vom Flughafen in Bremen zu seinem Ziel gefahren hatte. Eine ältere Dame mit grauen Haaren kam mit forschen Schritten auf ihn zu.

„Herr Krylow?“ fragte sie mit bemüht fester Stimme?

„Ja der bin ich. Ich nehme an sie sind Frau Smidt?“

„Ganz richtig. Seien sie gegrüßt“

Die beiden schüttelten sich die Hand während sie sich prüfend ansahen. Frau Smidt sah aus als wenn sie viel durchgemacht hätte.

„Es tut mir leid, was mit ihrem Sohn passiert ist“ meinte Dmitri

„Danke, es ist schrecklich.“ Frau Smidt tupfte sich ein paar Träne von den Augen.

„Bitte kommen Sie.“

Sie gingen Richtung eines kleines Gebäudes das nahe eines Flusses lag.

 

„Den Unterlagen meines Sohnes habe ich entnommen, dass der Verein der Auftraggeber der letzten Arbeit meines Sohnes war und daher habe ich mich bei Ihnen gemeldet. Vielleicht können Sie die Galionsfigur doch einsetzen, auch wenn sie noch nicht ganz fertig ist. Ich bin sicher, sie können jemanden finden, der die Arbeiten abschließt.“

 

„Wir haben schon mit einem anderen Künstler Kontakt aufgenommen. Jemand in Litauen wird die Arbeit fertigstellen. Ich denke ihr Sohn hätte es so gewollt“ bestätigte Dmitri

 

„Bitte.“ forderte Frau Smidt ihn auf und öffnete die Tür zu einer Werkstatt und trat zur Seite. Sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.

Dmitri trat ein und sofort fiel sein Blick auf die hölzerne Galionsfigur.

„Sie ist wunderschön“ sagte er anerkennend, „so würdevoll und elegant aber - anders als bestellt.“

Er trat näher und berührte vorsichtig das Holz. Es war ein wahres Meisterwerk, zwei Körper, Frau und Mann nebeneinander, jeweils einen Arm um die Taille des Anderen gelegt und der äußere Arm ausgestreckt nach hinten wie die Schwingen einer Möwe. Die Gesichter einander zugewandt. Zwischen Ihnen war etwas Magisches. Wahrlich ein Meisterwerk. Dmitri nickte anerkennend.